Bedarf und Bedürfnis in der Arbeitskraft-Absicherung

Wir streben nach dem Besten, obwohl das Nötigste doch reichen würden. Wäre auch noch günstiger...

Die meisten Dinge auf dieser Welt lassen sich von zwei Seiten betrachten. Und weil wir meistens nur die eine sehen und dazu noch immer so gerne Recht behalten wollen, ist eine sachliche Diskussion nur selten möglich. Im Folgenden soll mal mit aller gebotenen Vorsicht die Absicherung der Berufsfähigkeit von einer anderen Seite betrachtet werden.

Was kann die Berufsunfähigkeitsversicherung?

Die Berufsunfähigkeits-Versicherung sichert das existenzielle Risiko, aus gesundheitlichen Gründen außerstande zu sein, in meinem Beruf, so wie er zuletzt in gesunden Tagen ausgestaltet war, ein Einkommen in meinem Beruf zu erzielen. Also, meine Berufsfähigkeit.

Wenn ich also Berufskraftfahrer war und meine Berufsfähigkeit nur noch zur Hälfte besteht, erhalte ich meine versicherte Rente. Diese Rente beziehe ich so lange, bis ich wieder in meinem Beruf arbeite. Oder ein vergleichbares Einkommen mit einem anderen Beruf erziele.

Die Motivation umzuschulen oder an Rehabilitations-Maßnahmen teilzunehmen, dürfte relativ gering ausfallen. Das ist aber auch in Ordnung, da eben dieser Schutz meiner Berufsfähigkeit vorher durch die Beiträge bezahlt wurde.

Absicherung der Berufsfähigkeit oder der Erwerbsfähigkeit?

An dieser Stelle sind zwei Dinge anzumerken:

  1. Will der Versicherte tatsächlich von da an von der BU-Rente leben und nie mehr arbeiten?
  2. Sichert diese Art der BU tatsächlich ein existenzielles Risiko ab?

Umschulungen sind in der Berufsunfähigkeitsversicherung freiwillig

Die erste Frage ist mit dem Kunden bei Vertragsabschluss zu klären. Dabei muss ich immer bedenken, dass es einigermaßen schwierig sein wird, sich als gesunder Mensch in die Lage eines Kranken zu versetzen. Homer Simpson macht auch mal Urlaub im Altenheim und genießt es, bedient zu werden. Bin ich aber auf Hilfe angewiesen und nicht mehr aus eigener Kraft in der Lage für mich zu sorgen, sieht es meist ganz anders aus.

So sehr wir auch das Wochenende und den nächsten Urlaub herbeisehnen, wird es wohl bei den meisten so sein, dass man sich nach dem ersten Jahr nach Alternativen umsieht.

Jetzt ist die Meinung durchaus berechtigt, dass ich der Versicherung quasi Geld schenke, wenn ich durch Eigeninitiative wieder in Lohn und Brot komme und der Versicherer leistungsfrei wird.

Versicherer sollten sich an Umschulungskosten beteiligen

Deswegen wäre es nur konsequent, wenn sich die Gesellschaft an Umschulungsmaßnahmen beteiligen würde und/oder bei Beendigung der BU wg. Neuaufnahme einer Tätigkeit einen Teil der Restleistung, die zu erwarten gewesen wäre, an den Kunden auszahlt. Eigeninitiative sollte ja auch belohnt werden. Alternativ dazu wäre es auch eine Idee, wenn der BU-Schutz von da an kostenfrei weiterbestünde. Schließlich hat der Versicherungsnehmer schon bewiesen, dass er kein Interesse an Leistungserschleichung hat, sondern im Gegenteil nur für den schlimmsten Fall abgesichert sein möchte und die Berufsunfähigkeits-Versicherung eher wie eine Erwerbsunfähigkeits-Versicherung interpretiert.

Außerdem sollte ja auch die Gesellschaft ein gesteigertes Interesse daran haben, dass sie aus der Leistung frei kommen. Unter diesem Aspekt ist es geradezu verwunderlich, wie wenige Gesellschaften derzeit aktiv Unterstützung bei gesundheitlicher und beruflicher Rehabilitation bzw. Reintegration anbieten. Dabei wäre der Kunde in vielen Fällen dankbar, selbst wenn er am Ende wieder für sein Geld arbeiten muss.

Der Verlust der Berufsfähigkeit ist nicht existenzbedrohend

Die zweite Frage ist etwas worüber man sich unter Kollegen lange und erbittert streiten kann. In meinen Augen liegt der große Vorteil der BU darin, dass sie schneller leistet als die Erwerbsunfähigkeits-Versicherung. Wenn ich in meinem Job kein Geld mehr verdienen kann, benötige ich dringend finanzielle Unterstützung. Da kann die Zeit bis zur Leistungsanerkennung in der BUV schon zu lange sein.

Bin ich durch die BU finanziell abgesichert, kann ich mir ohne Druck Gedanken machen, wie es nun weitergehen soll. Und wenn ich mich entscheide, dass es einfach so weitergehen soll und ich zukünftig von der BU-Rente lebe, dann kann ich das auch tun.

Aber hier darf man durchaus der Meinung sein, dass es schon weniger mit einem existenzbedrohenden Risiko zu tun hat und der Versicherte mit Druck dazu angehalten werden sollte, umzuschulen. Existenzbedrohend ist die BU nur in der Phase der Umorientierung. Kann ich danach wieder ein Einkommen erzielen, ist ja auch wieder alles mehr oder weniger im Lot. Ein gewisses Lebensrisiko verbleibt ja immer.

Auf lange Sicht ist die BU aber eher nicht existenzbedrohend. Das wäre die Unfähigkeit, ein Einkommen zu erzielen. Aus diesem Grund sind temporäre Lösungen gefragt. Die derzeit angebotenen Tarife, die in den ersten Jahren auf BU prüfen, sind schon ein Schritt in die richtige Richtung. Allerdings sind diese Lösungen noch recht starr. Ich müsste zu Beginn festlegen, wie lange der Versicherer BU prüfen darf, bevor ich nur noch bei Vorliegen einer Erwerbsunfähigkeit Leistungen erhalte. Das werde ich zu diesem Zeitpunkt kaum festlegen können.

Temporäre Lösungen sind gefragt

Hier sind flexiblere Lösungen gefragt. So sollte der Versicherer beispielsweise mindestens bis Ausbildungsende auf BU prüfen, idealerweise sogar bis ich wieder ein angemessenes Einkommen verdiene. Mit einer Klausel, die garantiert, dass die Gesellschaft bei verschlossenem Arbeitsmarkt ebenfalls weiter auf BU prüft, wäre diese Absicherung sehr nahe an der jetzigen BU. So ein Produkt könnte die Premium-Lösung ablösen.

Darunter müsste man mal durchrechnen, wie lange echter BU-Schutz für risikoreiche Berufe bezahlbar ist, bevor der Versicherer auf EU prüft.

Ob sich damit alle Probleme lösen ließen, zweifle ich an. Man kann es ja auch von einer anderen Seite sehen. Aber wenn die Branche schon staatliche Lösungen diskutiert, ist es zumindest einen Versuch wert.

Fazit

Unterm Strich gilt derzeit die alte Weisheit, dass es sich auf jeden Fall ändern muss, um besser zu werden. Auch wenn man nicht weiß, ob es besser wird, wenn es sich ändert. Die Versicherer müssen alles auf den Prüfstand stellen. Sind wirklich alle Gesundheitsdaten notwendig? Sind die Berufe tatsächlich so unterschiedlich, wie vermutet? Muss der zuletzt ausgeübte Beruf die Grundlage sein oder ginge das auch anders. Erst wenn wir von der Berufsunfähigkeitsversicherung als Superlösung loslassen, können wir neue Lösungen finden!

Written by Philip Wenzel

Philip Wenzel ist Fachwirt für Versicherungen und Finanzen (IHK) und betreut bei der freche versicherungsmakler GmbH & Co. KG die biometrischen Risiken. Mit über 200 Artikeln, mehreren Dossiers und seinem „Leitfaden für den Vertrieb von Berufsunfähigkeitsversicherungen“ hat er sich in der Branche den Ruf eines gewissenhaften Bedingungslesers, und auch –verstehers, erarbeitet. Als gelernter Historiker ist er immun gegen Langeweile, was wahrscheinlich der Grund ist dafür, dass er all die AVB und Urteile ohne Schaden lesen kann. In seinen Vorträgen referiert er stark aus der Praxis, bricht mit eingefahrenen Denkweisen und hilft, eine Brücke zum Kunden zu bauen. Er lebt mit seiner Frau und seinen beiden Töchtern in Kemnath in der Oberpfalz.

Website: https://www.freche-versichert.de

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